Wenn Kinder Zeugen von häuslicher Gewalt werden –
warum Hinsehen wichtiger ist als Wegsehen
Ein Beitrag von Nora Lehning vom Netzwerk für präventiven Kinderschutz
Häusliche Gewalt ist selten ein rein „privates Problem“ zwischen Erwachsenen in einer Paarbeziehung. Sie findet zwar hinter verschlossenen Türen statt – ihre Folgen reichen jedoch weit darüber hinaus.
Besonders dann, wenn Kinder im selben Haushalt leben. Kinder müssen Gewalt nicht selbst erleben, um massiv darunter zu leiden. Es reicht, wenn sie sie sehen, hören oder spüren.
Kinder sind nicht nur stille Beobachter, sie sind Mitbetroffene.
Kinder, die häusliche Gewalt miterleben, befinden sich häufig in einem dauerhaften Spannungszustand.
Sie erleben Angst, Unsicherheit und Loyalitätskonflikte gegenüber ihren Eltern. Nicht selten reagieren Kinder mit Rückzug, Schuldgefühlen, psychosomatischen Beschwerden oder auffälligen Verhalten.
Das Miterleben von häuslicher Gewalt ist eine Form von Kindeswohlgefährdung.
Viele Betroffene, die Gewalt erlebt haben und sich entschließen, Hilfe zu suchen, befinden sich in einer extrem belasteten Situation und stellen sich Fragen wie:
„Was ist das Beste für mich und die Kinder? Wie geht es weiter?“
Der Schritt, Schutz und Entlastung zu suchen, wird für Betroffene manchmal von einem weiteren Dilemma begleitet – dem Kampf um Glaubwürdigkeit und Anerkennung des Erlebten.
Einrichtungen, die Schutz und Zuflucht bieten, leisten in dieser Situation eine enorm wichtige Arbeit.
Sie sind oft die ersten Orte, an denen Betroffene alleine oder gemeinsam mit ihren Kindern zur Ruhe kommen können.
Damit Kinderschutz von transparenten Strukturen, Wissen und Handlungssicherheit leben kann, ist die Reflexion in Teams umso wichtiger:
- Was bedeutet Kinderschutz konkret im eigenen Arbeitsfeld?
- Wann sprechen wir von einer Kindeswohlgefährdung?
- Welche Anhaltspunkte müssen ernst genommen werden?
- Wie sieht ein professioneller Handlungsweg bei einem Verdacht aus?
- Wie können Betroffene Entlastung erfahren?
Der Gewaltschutz von betroffenen Erwachsenen und Kindern ist keine Aufgabe einzelner Einrichtungen oder Berufsgruppen, sondern eine gesellschaftliche Verantwortung.
Dazu gehört:
- Gewalt ernst zu nehmen
- Betroffenen zuzuhören
- Kinder als eigenständig Betroffene wahrzunehmen
- Schutzstrukturen zu stärken
- Fachkräfte zu unterstützen, die täglich mit diesen Situationen arbeiten
Uns allen sollte klar sein: Häusliche Gewalt verschwindet nicht dadurch, dass wir sie als ganz privates Problem betrachten.
Hilfe bei häuslicher Gewalt & Stalking: Fachberatungsstelle für betroffenen Erwachsene von sexualisierter Gewalt: Beratung für Betroffene von Straftaten, Angehörige und Zeug: innen: Beratung für Täter und Täterinnen in Fällen häuslicher Gewalt:
Interventionsstelle Ostsachsen: 03591/ 275824
Bautzen und Hoyerswerda: 0155/ 60577362
Opferhilfe Sachsen e.V. Bautzen: 03591/ 679550
Escape Dresden: 0351/ 7966348
